Maggie hatte noch nie einen Hund in echt gesehen — nur einmal, auf einem alten Plakat — aber sie wusste sofort, dass dieses duenne, veraengstigte Wesen an der Kette einer war. Der Hund hatte die Zunge draussen und atmete schwer, entweder von der brennenden Hitze oder von seinem elenden Leben. Sie streckte langsam die Hand aus und zog sie sofort wieder zurueck. Eine sanfte Hand legte sich leicht auf die Schulter des Maedchens.
`Meg! Der ist bestimmt wild...`
`Aber er ist an der Kette. Das heisst, er hat Besitzer. Jerry, koennen wir sie suchen? Bitte!` Jerome wollte widersprechen, aber schluckte stattdessen. Ein starker Geruch von verbranntem Fleisch stieg ihm in die Nase. Vor kurzem haette er noch gedacht, irgendwo brennt wieder ein Muellhaufen. Aber jetzt, nach Tagen ohne Essen, kannte er diesen Geruch nur zu gut. Auch Maggie hatte ihn bemerkt und laechelte nervoes.
`Hat Woody wieder eine Ratte gefangen?`
`Ich hoffe... ja.` Jerome war sich schon lange bei nichts und niemandem mehr sicher. Woody war ein guter Kerl, aber liess sich zu leicht von Jim leiten. Heute briet er eine Ratte, und morgen...
`Pass auf ihn auf, Meg. Ich bin gleich zurueck.`
Jerome ging zurueck zum Anleger und trat durch einen schmalen Tuerrahmen mit vertrockneten Loewenzaehnen darueber und einer verblassten Aufschrift auf der Veranda — `Provisorisches Lager. John und Mary.` An der Tuer empfing ihn Jims lautes Lachen.
`Na, Jerry, du kommst genau zum Mittagessen!` Woody stocherte mit einem gluehenden Eisenstab in einer halbverwesten Leiche herum, und Jerome uebergab sich sofort.
`Wetten, Woody frisst das und will noch mehr!`
`Was soll der Scheiss, Jim, hoer auf! Du musst dich richtig ausruhen, Kumpel. Nimm eine Angel, versuch was fuers Mittagessen zu fangen. Wir sind so weit zu diesem verdammten See gelaufen.`
`In diesem See gibt es keine Fische! Hier gibt es nichts zu fressen, Jerry! Und dann muss ich auch noch dich und dein Maedchen durchfuettern!`
`Ich habe mehr als einmal vorgeschlagen, dass wir unseren eigenen Weg gehen. Du hast selbst gesagt, wir muessen zusammenbleiben.`
`Genau! Schau dir an, was passiert, wenn man ein Verlierer ist!` Jim trat wuetend gegen die Leiche. Ihr Unterkiefer klappte gegen den oberen und fiel ab, als wuerde er Jims Worten zustimmen. Einen Moment spaeter wischte er sich die Augen mit einem dreckigen Aermel und lachte wieder, leiser diesmal, mit einem Rasseln in der Brust.
`Und was soll ich sonst tun, Jerry? Dasitzen und heulen? Das ist dein Job. Du bist hier der Familienvater.` Woody laechelte verlegen, schaute aber weg. Der Eisenstab in seiner Hand knisterte. Fett von der verkohlten Haut tropfte auf den Betonboden.
`Wir werden das nicht essen,` sagte Jerome bestimmt.
`Natuerlich nicht.` Jim breitete die Arme aus. `Wir sind zivilisierte Menschen.` Er trat naeher. Er stank nach Schweiss, Sumpfwasser und etwas Saeuerlichem.
`Aber weisst du, was lustig ist? Vor einem Monat haettest du dasselbe ueber eine Ratte gesagt.`
Jerome wollte gerade antworten, wurde aber wieder unterbrochen — diesmal von Maggie, die auf die Veranda rannte und rief:
`Hier leben Leute! Ich habe eine Aufschrift an einem riesigen Gebaeude gesehen: Vorsicht! Menschen!`
`Ich glaube nicht, dass die sich ueber uns freuen,` sagte Jim.
`Wir koennten wenigstens versuchen, mit ihnen zu reden. Woody, um Gottes Willen, was machst du da?` Maggie sah Woody mit dem Eisenstab und spuerte, wie sich die Haare auf ihrem Kopf straeubten.
`Wenn du reden willst, dann geh du reden! Woody und ich bleiben nicht hier.`
`Ich wuerde es versuchen... Woody, manchmal bist du ein normaler Kerl, und manchmal einfach...`
`Wir versuchen es,` Jerome nahm Maggies Hand und fuehrte sie auf die Veranda. `Komm, Meg. Es ist Zeit, dass wir unseren eigenen Weg gehen.` Maggie widersprach nicht.
`Lass uns den Ort anschauen!`
`Fuehr mich hin.`
Aber schon von weitem war klar, dass hier niemand war. Die Aufschriften wirkten nur aus der Ferne bedrohlich, und die weit offene Eingangstuer fuehrte in ein furchtbares Gefuehl von Leere und Verfall. Zur Sicherheit gingen Jerome und Maggie mehrmals um den Wolkenkratzer herum und schauten vorsichtig durch die eingeschlagenen Fenster im Erdgeschoss, um eine Falle zu vermeiden. Als sie sicher waren, dass hier nur noch Ratten und Kakerlaken lebten, gingen sie endlich hinein.
Die Eingangshalle hatte den frueheren Bewohnern als Kueche und Schlafzimmer gedient. Schimmelige Toepfe, einfache Betten und Feldbetten — all das war zu einem Massengrab fuer menschliche Skelette geworden. Es waren so viele. Jerome hatte nichts so Schreckliches mehr gesehen, seit jene widerlichen Kreaturen — kleinen Eidechsen aehnlich, aber mit messerscharfen Zaehnen — ihre Gruppe angegriffen hatten. Sie toeteten alle ausser ihm und Maggie, die sich in einem alten Kuehlschrank verstecken konnten. An jenem Abend verlor Meg ihre letzte Familie, und Jeromes Haar wurde weisser als die Asche, die die einst lebhafte Stadt in einer dicken Schicht bedeckte.
Maenner, Frauen, Kinder... Jerome sah sich im Raum um, voller Ekel. Er versuchte zu verstehen, was hier geschehen war und den Massentod der Siedler verursacht hatte.
`Meg, du solltest nach draussen gehen. Geh raus und sag mir, wenn du jemanden in der Naehe siehst.` Ob ihr junger Verstand das Ausmass nicht ganz begreifen konnte, oder ob das Leben in der Oednis sie abgehaertet hatte — Maggie hielt sich erstaunlich gut.
`Alles in Ordnung, das sind nur Skelette. Warum liegen die alle unter den Betten, Jerry? Wurden sie von denselben Tieren angegriffen wie wir damals?`
`Glaube ich nicht — die fressen alles restlos, und alle Knochen sind heil. Ich denke, wir sollten hier verschwinden, Meg!`
`Aber wir haben noch nicht alles durchsucht! Ich weiss nicht mal mehr, wann ich zuletzt gegessen habe.`
`Na gut... Ich versuche in die oberen Stockwerke zu kommen, und du durchsuchst den Speisesaal. Irgendwo muss ein Zugang zur Kueche sein. Wenn sie nicht an Hunger gestorben sind, haben wir eine echte Chance, hier Essen zu finden.`
Jerry hatte wieder kein Glueck. Der Aufzugschacht im Erdgeschoss war mit Moebeln und Bauschutt versperrt, und die Diensttreppe fuehrte zu einer Tuer mit Zahlenschloss. Er drueckte schon etwa zehn Minuten lang Knoepfe ohne Erfolg, als Maggie ihn fand.
`Vielleicht mal anklopfen?` schlug Maggie vor.
`Danke fuer den Tipp.`
`Gern geschehen. Die Kueche ist abgeschlossen. Irgendwas mit Kontamination. Hab ich nicht verstanden.` Jerome tippte eine weitere Kombination ein. Das rote Licht blinkte. Nichts.
`Zum Teufel damit.`
Er lehnte sich erschoepft gegen die Wand. Maggie trat naeher an die Tastatur, fuhr mit dem Finger ueber die Knoepfe, runzelte die Stirn und begann dann ploetzlich Zahlen einzugeben. Das Schloss piepte kurz, eine gruene Lampe leuchtete auf, und eine Sekunde spaeter klickte die Tuer.
`Das ist nicht dein Ernst,` sagte Jerome schliesslich. Maggie zuckte die Achseln.
`Die Zahlen waren neben dem Hund in die Wand geritzt.`
`Neben dem Hund an der Kette?`
`Ja.`
`Und du hast sie dir einfach so gemerkt?`
`Warum nicht?` Jerome starrte sie ein paar Sekunden an und zog dann wortlos die Tuer auf.
`Manchmal machst du mir mehr Angst als die Oednis.`
Hinter der Tuer lag ein weiteres Treppenhaus, aber es gab keine Treppe zum dritten Stock — nur denselben mit Geruempel gefuellten Aufzugschacht und eine Tuer zum Stockwerk. Die Raeume hier sahen nicht aus wie Wohnungen oder Bueros. Keine Betten, keine Kuechen, keine Spuren von Siedlern. Nur Metall, Kabel und eine dicke Staubschicht. In der Mitte des Saals stand eine seltsame Maschine. Eine hohe zylindrische Konstruktion, die fast die Decke beruehrte. Hinter truebem Glas leuchtete etwas in schwachem blaeulichem Licht, und Dutzende Kabel fuehrten zu dem Geraet.
`Was ist das?`
`Keine Ahnung.` Jerome ging langsam um die Maschine herum. Auf dem Metallgehaeuse war noch eine verblasste Beschriftung lesbar — `Synthesizer: Prototyp`.
`Wahrscheinlich irgendein Vorkriegslabor.`
`Glaubst du, hier gibt es Essen?`
`Du gibst nie auf.`
`Also nein?`
Jerome schwieg. Nur ein leises Summen brach die Stille, so schwach, dass man es fuer Wind halten konnte. Dann ging er zum breiten Fenster an der gegenueberliegenden Wand — oder zu dem, was davon uebrig war: Das meiste Glas war laengst zerbrochen, scharfe Stuecke ragten aus dem Rahmen, und heisser Wind wehte frei herein. Von hier aus konnte man fast die gesamte Stadt sehen.
Unter ihnen lag der See, der Anleger, halb ueberflutete Strassen und graue Wohnblocks bis zum Horizont — und zwei bekannte Gestalten am Eingang des Wolkenkratzers.
`Verdammt.`
`Was ist los?` Maggie kam naeher. Unten standen Jim und Woody — sie schienen gerade am Gebaeude angekommen zu sein. Jim hob als erster den Blick, und selbst aus dieser Entfernung konnte man sehen, wie er erstarrte und dann nach oben zeigte.
`Sie haben uns gesehen,` sagte Jerome.
Und fast sofort kam von unten ein Ruf:
`Jerry!` Der Wind trug seine Stimme zwischen den Gebaeuden. Jerome beugte sich aus dem zerbrochenen Fenster:
`Wir sind hier oben!`
`Was gefunden?`
`Weiss noch nicht!`
`Dann wartet! Wir kommen rauf!`
`Nein, Jim, hoer zu...`
`Oder was?` Jims Stimme wurde haerter. `Wieder deine Regeln?`
`Hier ist es eng. Lass uns erst alles ueberpruefen.`
Jim kniff die Augen zusammen:
`Was genau ueberpruefen?`
`Weiss ich selbst noch nicht.`
`Weisst du nicht, ja? Aber du siehst so aus, als haettest du schon was Interessantes gefunden.`
`Jim...`
`Woody und ich koennen auch seit Tagen nichts essen, falls du das vergessen hast.`
`Ich verstecke nichts vor euch.`
`Natuerlich nicht. Deshalb bist du da oben mit Maggie. Allein.` Eine Pause hing schwerer als sonst.
`Fang nicht an.`
`Was denn? Ich sage nur, was ich sehe. Du machst das immer so, Jerry.`
`Jim...`
`Wir werden versuchen, selbst hochzukommen. Ob du willst oder nicht.` Aber er hoerte schon nicht mehr zu — er erklaerte Woody mit grossen Gesten etwas und zeigte auf die oberen Stockwerke.
`Verdammte Scheisse,` sagte Jerome.
`Was ist passiert?`
`Sie wollen hier raufkommen. Wenn sie reinkommen, endet das schlecht.`
`Glaubst du, Jim hat voellig den Verstand verloren?`
`Ich glaube, er ist schon lange auf dem Weg dahin.`
Jerome trat auf den Treppenabsatz. Die schwere Tuer stand noch offen. Von unten drangen entfernte Stimmen herauf. Er blickte auf die Tastatur, zoegerte nur eine Sekunde, schloss dann die Tuer und tippte den Sperrcode ein — das Schloss klickte, und die rote Lampe leuchtete wieder.
`Ich hoffe, du weisst, was du tust, Jerry,` sagte Maggie leise. Jerome blickte auf die dunkle Treppe hinter der Tuer, und einen Moment lang schien es ihm, als haette die seltsame Maschine im Labor etwas lauter zu summen begonnen.
`Nein, Meg.`
Jerome bereute seine Entscheidung sehr schnell, aber die Dinge gerieten noch schneller ausser Kontrolle. Alle Fluchtwege waren ploetzlich versperrt, und wenige Augenblicke spaeter haemmerte ein rasender Jim bereits gegen die verschlossene Tuer. Zuerst drohte Jim. Er schwor, die Tuer einzuschlagen, Jerome zu finden und ihm die Kehle durchzuschneiden. Dann wich die Wut der Hoffnung. Er versuchte zu verhandeln, bot an, alles gleichmaessig aufzuteilen, schwor, alles zu vergessen. Als auch das nicht half, begann er zu bitten. Dann zu flehen. Und einige Stunden spaeter schrie und fluchte er wieder.
`Jerry! Mach die Tuer auf! Hoerst du mich?! Glaubst du, sie rettet dich? Diese Tuer? Ich krieg dich so oder so!
Gut... gut, zum Teufel damit. Lass uns reden wie normale Menschen. Einfach reden. Wenn ihr Essen gefunden habt, teilen wir es. Ich schwoere. Gleiche Anteile. Wie frueher.`
`Nein.`
`Warum?!`
`Weil ich dir nicht glaube.`
`Ich war wuetend! Herrgott, wer ist heutzutage nicht wuetend?! Jerry... bitte. Wir haben so viel zusammen durchgemacht. Lass mich nicht hier sterben. Hoerst du? Ich sagte, lass mich nicht sterben!
Verflucht sollst du sein. Verflucht sollst du sein, Jerry. Mach die Tuer auf, und ich vergesse alles.`
`Nein. Geh weg.`
`Mach die Tuer auf, und ich bringe dich um, du Schwein!`
Schliesslich waren alle so muede, dass sie einschliefen. Sogar Jim verstummte ploetzlich und schlief in der Lobby zwischen den Skeletten ein. Jerome wurde von Maggies Schrei geweckt. Die Maschine hatte sich irgendwie eingeschaltet und ihren Arm bis zum Ellbogen eingeklemmt. Sie weinte und versuchte sich zu befreien. Jerome wurde eiskalt in der Brust, aber ploetzlich blinkten gruene Lichter am Geraet auf und es liess Maggies Arm frei. Ihr ganzer Arm war mit einer seltsamen geleeartigen Masse bedeckt, die erstaunlich gut roch und ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen liess.
Maggie leckte einen Finger ab, dann den naechsten. Sie kratzte mit der anderen Hand etwas von der Masse ab und teilte mit Jerome. Jerry stuerzte sich darauf wie ein ausgehungertes Tier.
`Suess!` sagte Meg gluecklich.
`Sei leise! Jim darf nichts davon erfahren.` Jerome und Maggie liessen die Maschine noch einmal laufen, diesmal mit leeren Flaeschchen, die sie in einem Schrank gefunden hatten. Leider funktionierte die Maschine nur auf eine Art — sie brauchte etwas, das sie mit einer bioorganischen Schicht ueberziehen konnte. Irgendwo im Inneren gab es sicher ein reines Nahrungsprodukt, aber Jerry wagte es nicht, die Maschine zu oeffnen.
An jenem Abend assen sie sich satt, und am naechsten Tag machten sie nach einem morgendlichen Festmahl einen Plan. Sie wuerden das Fenster sichern, sich ausruhen und Energie fuer eine grosse Flucht sammeln. Das Wasser war aufgebraucht, aber sie fanden ein grosses Aquarium und passendes Werkzeug. Jerome kochte alles Wasser ab und sammelte den sauberen Dampf auf. Das Wasser roch immer noch etwas seltsam, aber sie hatten keine andere Wahl. Unbemerkt hinauszukommen war fast unmoeglich: Jim und Woody hielten abwechselnd Wache.
Besonders gut darin war Woody. Er schien ueberhaupt nicht zu schlafen. Im Hof stehend, beobachtete er entweder jede Ecke wie ein Jaeger oder verschlang bereits die naechste rohe Ratte. Woody war auf dem Hoehepunkt seiner Kraft und schien wie gemacht fuer diese haessliche Welt nach dem Kollaps. Jim dagegen ging es immer schlechter. Duenn, mit gelber Haut und riesigen dunklen Ringen unter den Augen, sah er eher aus wie ein Skelett, das aus den Toten in der Lobby auferstanden war. Sein Magen lehnte rohes Essen immer wieder ab, und nur der Gedanke an Rache trieb ihn jeden Tag aus dem Bett und zur verschlossenen Tuer.
`Na gut! Willst du fuer immer da drin bleiben, dann bleib! Ich schau zu, wie du das Maedchen frisst, dann deine Finger, dann alles andere, bis von dem Verraeter, den ich mal kannte, nichts mehr uebrig ist! Jerome! Du wirst dort drin verrecken, du elende Ratte!`
Jim rief Woody, und gemeinsam versperrten sie die Tuer vollstaendig. Damit schnitt er sich auch selbst den Weg zur Rache ab und versank tiefer in Verzweiflung. Der Hunger begann gefaehrliche Spiele mit seinem Kopf zu treiben. Woody war in seinen Augen ein Diener, ein Sklave, jederzeit bereit, sein Leben zu geben — und Jim sah das als normal an. Jim starrte Woody lange an. Der sass ueber einer weiteren Ratte gebeugt. Blut tropfte von seinen Fingern, und er kaute langsam, sorgfaeltig, als wuerde er eine alltaegliche Arbeit verrichten.
Einst hatte Jim das abstossend gefunden. Jetzt machte es ihn neidisch. Zuerst versuchte er, nicht daran zu denken. Wandte sich ab. Schloss die Augen. Stellte sich gebratenes Fleisch vor, Brot, Suppe — irgendetwas. Aber sein Gehirn kehrte staendig zu demselben Gedanken zurueck. Woody isst. Und ich nicht.
Jeden Morgen erwachte Jim schwaecher. Stand muehsam auf. Die Haende zitterten. Dunkle Flecken trieben vor seinen Augen. Manchmal glaubte er, Gerueche wahrzunehmen, die es nicht gab. Manchmal sah er Menschen in leeren Fenstern. Eines Nachts wachte er von seinem eigenen Stoehnen auf. Der Magen krampfte so stark, dass er zusammengekruemmt dalag und nicht richtig atmen konnte.
Neben ihm schlief Woody. Riesig. Warm. Lebendig. Jim vertrieb den Gedanken sofort. Aber er hatte sich bereits festgesetzt.
Am naechsten Tag ertappte er sich dabei, wie er nicht auf Woodys Gesicht schaute, sondern auf seinen Hals. Und dann — bei echtem Bedauern, dass Woody zu gross, zu stark und zu schwer zu toeten war. In jener Nacht schlief Jim kaum. Er lag mit offenen Augen da und hoerte dem Wind in den leeren Fenstern zu und dem Knurren seines eigenen Magens.
Schliesslich hielt er es nicht mehr aus. Langsam stand er vom Boden auf, fand das Messer und sah zu Woody. Der sass reglos mit offenen Augen da und sah aus wie ein Untoter. Kein Mensch kann so lange wach bleiben. Um sicherzugehen, fuhr Jim mehrmals mit der Hand vor Woodys starren Augen hin und her. Das Mondlicht beleuchtete Woodys Hals einladend. Nicht mehr faehig, gegen sich selbst anzukaempfen, hob Jim mit zitternder Hand das Messer und drueckte die Klinge an den breiten Hals seines Freundes. Woody packte blitzschnell seinen Arm und stiess mit mehreren schnellen Bewegungen das Messer in Jims Brust. Aber Jim war so schwach, dass er nur ein dumpfes Stoehnen von sich gab.
Woody trank lange sein Blut im Mondschein. Am naechsten Morgen, als Maggie wieder nach draussen sah, stand Woody mitten auf der Strasse mit einem abgenagten Arm in der Hand. Er starrte sie mit leerem Blick an, und wieder straeubten sich die Haare auf Maggies Kopf.
So lebten sie, Seite an Seite — Wilde neben einem Wilden — bis in der Maschine ploetzlich die Huellen ausgingen. Jerome und Maggie hatten etwas zugenommen und waren nun kraeftig genug fuer eine Reise. Aber die einzige Tuer war von aussen vollstaendig versperrt, und unter dem Fenster wachte rund um die Uhr Woody, der voellig den Verstand verloren hatte und mehr Tier als Mensch geworden war. Maggie hatte furchtbare Angst vor ihm und weinte oft. Aber jetzt, da das Essen weg war, wusste Jerome, dass er schnell handeln musste. Heute war es schon zu spaet, also beschloss er, den naechsten Tag mit Packen zu verbringen und in der folgenden Nacht aufzubrechen.
Doch am Morgen war Meg verschwunden. Jerome sah aus dem Fenster — Woody sass friedlich auf seinem gewohnten Platz, wie eine Statue. Aus diesem Raum gab es nur zwei Wege hinaus: das Fenster, oder ein Loch in der Decke zum dritten Stock. Aber Jerome hatte Maggie vom ersten Tag an verboten, dort hinaufzugehen. Natuerlich — es war ihr letzter Tag hier, und sie wollte sehen, was da oben war.
`Maggie! Meg! Hoerst du mich?` schrie Jerry. Vom Fenster her ertoente Woodys wildes Bruellen. Er warf sich mehrmals wie eine Raubkatze gegen die Wand.
`So schafft er es noch,` dachte Jerry resigniert und zog sich muehsam hoch, um sich durch den Riss im Boden des Stockwerks ueber ihm zu zwengen.