John warf sich die Windjacke ueber und stuermte auf die Veranda der Steinruine, die er und Mary liebevoll das `Provisorische Lager` nannten, wobei er dem friedlich schlummernden Hund einen Tritt verpasste.
Mit einem Jaulen verschwand der Hund in seiner Huette, und John stand bereits am Seeufer — ueber das Wasser gebeugt, die truebe Oberflaeche musternd. Er war schon lange nicht mehr so frueh hier gewesen — seit er mit dem Fischen aufgehoert hatte.
Der See wimmelte von neuen Arten, die vor einigen Jahren ins Oekosystem eingedrungen waren, nach dem Einsatz riesiger Unterwasser-Geraete zur Lebenswiederherstellung. Einmal, beim Saeubern des Fangs, waere Mary fast Opfer eines Parasiten geworden, der in einem Fisch lebte. Er schlang seine Tentakel um ihren Hals und wuergte sie, bis John ihm den Kopf abschnitt.
Sein Vater, Fischer wie sein Grossvater, nannte diese Brühe den `See des Lebens`. John grinste hoehnisch. `Bald kommt die Flut...` dachte er und spielte gewohnheitsmaessig mit seinem Zahn, waehrend er sein Spiegelbild betrachtete.
Seit er hier nicht mehr fischte, hatte er die Umgebung nach Nahrung und Trinkwasser erkundet. Er entdeckte einen Brunnen mit sauberem Wasser, und einmal, auf einem selbstgebauten Floss, fand er Nistplaetze der Kuestenmoewen.
Diesmal hielt der Zahn nicht stand und blieb in seiner Hand. Aber John machte sich keine Sorgen um den Zahn — nicht einmal um Mary, und schon gar nicht um seinen nutzlosen Hund. Die verfluchte Kiste quaelte ihn seit Monaten — seit er sie in den Hoehlen bei Ebbe gefunden hatte.
Es war eine gewoehnliche Kiste mit einem verzierten Schloss — ungewoehnlich schwer, aus extrem hartem Holz. Selbst ein riesiger Felsbrocken hinterliess nur eine leichte Schramme. Johns Geduld reichte gerade aus, um ziellos die Knoepfe des Schlosses zu druecken und hasserfuellt zuzusehen, wie das weisse Licht hin und her huschte.
Tag fuer Tag kam er hierher und verbrachte Stunden in der kuehlen Hoehle, verloren im Vergessen, waehrend er vergeblich versuchte, das Raetsel zu loesen.
`Diese Markierungen an den Waenden sind kein Zufall!` beharrte er gegenueber der weinenden Mary.
Tatsaechlich fuehrten viele Kerben zur Kiste, manche stammten noch aus der Zeit vor dem Kollaps. Damals hatte ein brutaler Krieg fast alles Leben auf dem Planeten ausgeloescht. Eine Handvoll Menschen ueberlebte in Bunkern — nur um ein elendes Dasein in radioaktiven Oedlanden zu fristen, einst Oasen der Zivilisation.
`Selbst wenn du sie oeffnest, was bringt das? Alles Essbare haben laengst die Wuermer oder der Schimmel gefressen. Was, wenn du das Netz deines Vaters wieder rausholst?`
John weigerte sich zuzuhoeren und rannte auf die Veranda. Mary folgte ihm nicht. Er kehrte erst zurueck, als sie schon schlief, um am naechsten Morgen wieder zu verschwinden und bei Daemmerung mit der Flut zurueckzukehren.
Diesmal war keine Ausnahme. Die weissen Lichter an der Kiste flackerten hin und her. John verlor schnell die Geduld und ging wie immer tiefer in die Hoehlen — auf der Suche nach neuen Hinweisen.
Er musste lange kriechen und spuerte, wie der Stein seinen Ruecken aufschuerfete. Dann oeffnete sich die Decke, der Raum wurde weiter, und er beschleunigte seine Schritte. Bald erreichte er den letzten Orientierungspunkt — eine gebrauchte Tauchflasche. Ueber Jahrhunderte war sie voellig durchgerostet und zur Heimat von Krebstieren geworden — bis John sie fand und zum Abendessen verspeiste.
Er ertastete eine kleine Krabbe in einer Nische und steckte sie instinktiv in die Tasche. `Die Flut kommt`, dachte er. Aber seine Beine trugen ihn vorwaerts. Kurz darauf rannte er — schuerfete sich die Handflaechen auf, fiel, stand wieder auf. Ein Gedanke hallte in seinem Kopf: `Du musst zurueck, John. Zurueck.`
Das Wasser begann zu steigen — erst leise, fast unmerklich. Er spuerte es kaum, bis es seine Knoechel beruehrte. Dann blieb er stehen und schaute zurueck. Fast keine Kraft mehr fuer den Rueckweg. An der engen Stelle war es unmoeglich, trocken durchzukommen — Wasser versperrte den Weg. Sein Herz haemmerte. Dem Instinkt zu folgen war ein Fehler. Er musste vorwaerts. Sicher fuehrten diese Hoehlen irgendwohin.
Die Panik traf ihn ploetzlich. John stuermte zurueck — oder vielmehr schwamm, denn das Wasser reichte ihm bis zur Brust und stieg weiter. Fieberhaft suchend waehlte er die hoechste Woelbung, holte Luft und tauchte. Er tauchte an der einzig moeglichen Stelle auf — unter einem Gewoelbe, wo eine Lufttasche geblieben war. An scharfen Stalaktiten festgeklammert kaempfte er gegen die Stroemung. Seine Finger rutschten, die Haut riss. Irgendwann zog er die Windjacke aus und band sich mit zitternden Haenden an einen Vorsprung. Als der Knoten hielt, fiel er in schweres Vergessen.
Spaeter war er sicher, getraeumt zu haben: Die Kiste oeffnete sich und enthüllte etwas Blendendes, Lebendiges, mit Licht Pulsierendes. Mary lachte. John weinte vor Glueck, stehend ueber dem offenen Deckel. Dann wurde das Geraeusch des Wassers lauter. Mary verschwand zuerst. Die Kiste folgte. Dann die Hoehle.
John erwachte, weil etwas hartnaeig an seinem Hosenbein unter Wasser zerrte. Erstaunlicherweise war es hell, das Licht schien aus dem Wasser selbst zu kommen. Ploetzlich schnitten rasiermesserscharfe Kiefer durch Fleisch und rissen ein riesiges Stueck aus seinem Oberschenkel. John schrie nicht sofort — Wasser schlug in seine Kehle, bevor Luft kam. Er schlug nach oben, aber etwas Schweres riss ihn zurueck. Das Licht blendete ihn — kalt, tot, pulsierend.
Aus der Tiefe starrte ihn ein Maul an — breiter als seine Brust. Reihen durchscheinender, nadelartiger Zaehne oeffneten und schlossen sich in dichter Stille, sein Blut wirbelte zwischen ihnen in roten Baendern. Der Schmerz kam verzoegert, vollstaendig: Sein Oberschenkel brannte wie verbrüht und von einem Haken gerissen. Er wand sich, trat, aber sein Fuss rutschte auf glitschiger Haut ab. Das Licht kam von ihr — ueber dem Maul schwankte ein langer, flexibler Fortsatz mit einer pulsierenden Kugel aus trüb weissem Licht.
Der Koeder.
Die Kreatur zog ihn nach unten. Wasser schloss sich ueber seinem Kopf, die Welt wurde dickflüssig und langsam, die Lungen brannten. `Nicht hier… nicht so.` Er tastete blind und spuerte ploetzlich etwas Glattes, Gespanntes, Lebendiges. Der Koeder zitterte in seinen Fingern. Der Fisch wand sich, das Licht flammte auf. John packte den Fortsatz mit beiden Haenden und zog. Zuerst geschah nichts. Dann klickte etwas in der Kreatur, das Licht wurde unkontrollierbar, das Wasser explodierte in Chaos. Die Schwanzflosse traf seine Brust, die Lungen verkrampften sich. Er schrie — und Wasser fuellte seinen Mund. Dann riss er mit aller Kraft, legte alles hinein — Angst, Schmerz, Wut auf die Kiste, auf den Kollaps, auf sich selbst — in die Bewegung.
Etwas knackte. Der Koeder riss ab. Das Licht erlosch sofort, die Welt wurde schwarz. Die Kreatur wand sich in Krampfen, ihr Maul schloss sich an ihm vorbei. John, blind in der Dunkelheit, stiess sich von ihrem Kopf ab und schoss nach oben.
Die Oberflaeche brach mit Luft und Kaelte auf. Er spuckte Wasser und Blut und schrie — diesmal wirklich. Die Daemmerung war angebrochen, als er ans Ufer kroch und eine dunkle Spur hinterliess. In einer Hand hielt er noch den glitschigen, schlaffen Koeder; in der anderen den Tiefseefisch selbst. Heute Nacht wuerden er und Mary essen.
Er lag lange da und starrte in den grauen Himmel. Sein Herz schlug unregelmaessig, stolpernd. Morgen wuerde er Kraefte sammeln. Morgen wuerde er wieder in die Hoehlen hinabsteigen, und diesmal wuerde er nicht anhalten — er wuerde vorwaerts gehen bis zum Ende. John schloss die Augen und merkte ploetzlich, dass er lachte. Das Lachen war heiser, fast lautlos — und seltsam ruhig. Als waere bereits alles entschieden.